Osnabrück (ots)
Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck betont, dass die Ereignisse nach dem Fall der Mauer im Osten Deutschlands bis heute nachwirken. „Es ist eine tiefgreifende Erfahrung, einen Staat enden zu sehen“, erklärte Erpenbeck gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (noz).
Ihr Roman „Heimsuchung“, der kürzlich von Volker Schlöndorff verfilmt wurde und nun im Kino zu sehen ist, behandelt Verlustgeschichten des 20. Jahrhunderts. Als biografische Grundlage nennt Erpenbeck die Rückgabe des Sommerhauses ihrer Großeltern an die ursprünglichen Eigentümer nach der Wiedervereinigung. Diese persönliche Erfahrung spiegle eine kollektive Realität wider: Von 800.000 Rückgabeanträgen im Osten wurden etwa 640.000 bewilligt. Damit hätten viele Familien erfahren, dass ihre jahrzehntelange Lebenszeit an diesen Orten juristisch keine Anerkennung fand.
Die Autorin weist darauf hin, dass sich diese Praxis bis heute in wirtschaftlichen Ungleichheiten zwischen Ost und West zeigt. So ist das vererbte Vermögen im Osten Deutschlands weiterhin deutlich geringer als im Westen, ebenso der Immobilienbesitz.
Anhand der eigenen Familiengeschichte verdeutlicht Erpenbeck den erheblichen finanziellen Verlust: Nach langwierigen Rechtsstreitigkeiten erhielt ihr Vater den ursprünglichen Kaufpreis zurück – dieser wurde zunächst aufgrund des Wechselkurses von Ostmark zu D-Mark halbiert und anschließend nochmals wegen des Umtauschkurses von D-Mark zu Euro halbiert. Das Ergebnis waren 4.500 Euro. Im Vergleich dazu wurde das Grundstück später von der Erbengemeinschaft für 450.000 Euro verkauft, während der aktuelle Wert bei etwa zwei Millionen Euro liegt.
Erpenbeck kritisiert zudem, dass bei der Rückgabe von Immobilien die Rechtsprechung aus dem Jahr 1945 als Grundlage diente, also aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. Die ursprünglichen Eigentümer ihres Großelternhauses seien Anfang der 1950er Jahre in den Westen geflohen, während deren Erben Anfang der 1990er Jahre die Rückgabe beantragten. Die Großeltern Erpenbecks seien Antifaschisten gewesen, die Großmutter zudem Jüdin. Vor diesem Hintergrund erscheine es widersprüchlich, dass Nachkommen von Antifaschisten ihre Häuser verloren, die Immobilien jedoch an die Nachkommen von Nazis zurückgegeben wurden.
Pressekontakt:
Neue Osnabrücker Zeitung
Redaktion
Telefon: +49(0)541/310 207
Original-Content von: Neue Osnabrücker Zeitung, übermittelt durch news aktuell

