Osnabrück (ots)
Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck betont, dass die Ereignisse nach dem Mauerfall bis heute im Osten Deutschlands nachwirken. In einem Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (noz) erklärte sie: „Das Ende eines Staates mitzuerleben, ist stets eine tiefgreifende Erfahrung.“
Ihr Roman „Heimsuchung“, der kürzlich von Volker Schlöndorff verfilmt und im Kino gezeigt wurde, behandelt Verlustgeschichten des 20. Jahrhunderts. Als biografische Grundlage diente Erpenbeck die Rückgabe des Sommerhauses ihrer Großeltern an die ursprünglichen Eigentümer nach der Wiedervereinigung. Sie sieht darin eine kollektive Erfahrung vieler Menschen im Osten: „Von 800.000 Anträgen auf Rückgabe wurden damals 640.000 bewilligt. Diese 640.000 Familien mussten erfahren, dass ihre 40-jährige Lebenszeit an diesem Ort juristisch keine Anerkennung fand.“
Die Autorin weist darauf hin, dass sich diese Praxis bis heute in den Statistiken widerspiegelt: „Das vererbte Vermögen im Osten Deutschlands ist nach wie vor deutlich geringer als im Westen, ebenso der Immobilienbesitz.“
Anhand ihrer Familiengeschichte verdeutlicht Erpenbeck auch den erheblichen finanziellen Verlust: „Nach mehr als zehn Jahren Rechtsstreit erhielt mein Vater schließlich den ursprünglichen Kaufpreis erstattet – zunächst halbiert wegen des Ostmark-DM-Kurses, dann nochmals halbiert wegen des DM-Euro-Wechselkurses. Das ergab genau 4.500 Euro. Das Grundstück wurde von der Erbengemeinschaft später für 450.000 Euro verkauft. Heute liegt der Wert der Grundstücke dort bei etwa zwei Millionen Euro.“
Erpenbeck kritisiert zudem die rechtliche Grundlage der Rückgabe: „Problematisch war, dass die Rechtsprechung von 1945 als Bezugspunkt diente, also die Zeit der NS-Diktatur.“ Sie erläutert: „Die ursprünglichen Eigentümer des Sommerhauses meiner Großeltern waren Anfang der 1950er Jahre in den Westen geflohen. Anfang der 1990er Jahre stellten deren Erben den Antrag auf Rückgabe.“
Die Schriftstellerin hebt hervor, dass ihre Großeltern Antifaschisten waren und ihre Großmutter zudem Jüdin. „Es wirkt befremdlich, wenn den Nachkommen von Antifaschisten Häuser entzogen und stattdessen den Nachkommen von NS-Belasteten zurückgegeben werden“, so Erpenbeck.
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